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Rezension

‘Ich bin nicht drin, bist du?’

Über Solange der Baum blüht: Eine kurze Geschichte
der friesischen Literatur

Friduwih Riemersma - Fers2 nû. 4.12, 17 juny 2018

 

Solange der Baum blüht

Übersetzungen erschienen yn Frysk, Deutsch, Niederländisch, Englisch; nicht ins Biltisch

 

 

 

Op pompier hwet moais to skrjuwen
      Is gjin wirk onfoege swier,
Mar dat ’s altyd net to leauwen,
      Alle moaiens is net wier.Auf Papier etwas Schönes zu schreiben / ist kein Werk ungewöhnlich schwer, / aber das ist immer nicht zu glauben, / al das Schöne ist nicht wahr.

—Waling Dykstra  

 

 

Das neue Buch vom Historischen und literarischen Zentrum Tresoar über die Geschichte der friesischen Literatur, offiziell von Joke Corporaal geschrieben, hat 50 Seiten effektiven Text. Eine Ausgabe der friesischen Literaturzeitschrift Ensafh ist mit 60 Seiten dicker. Auf diesen Seiten können jedoch mehr als 400 Wörter stehen, weil das Geschichtsbuch einen ungewöhnlichen kleinen Buchstaben hat. Aber das is nicht der Fall. Das Layout folgt der Webshopvorlage, mit roten Fäden und ‘moods’—“Suche nach dem echten Friesland”—in ‘Nachricht’-Fonts und leuchtenden Farben. Haufen Fotomaterial— manchmal von schlechter Qualität; Schriftstellerin Aggie van der Meer lächelt uns aus einer zerbrochenen Bilddatei an—und textschmückende Ränder und Linien drücken den Text in ein unfreundliches Versicherungs­vertrags­format, zwischen Seitenrändern so schmal wie eine Trauermarge, damit das Buch nicht bequem in der Hand liegt. Lesbarkeitsregeln brechen und schreiende Typografie, das ist nichts für den kommerziellen Verleger Bornmeer. Wer möchte ein solches Buch haben?

Die Provinz, schlägt das Kolophon vor. Schüler und Studenten und Besucher der Kulturhauptstadtveranstaltung, sagt das Vorwort. Aber es gibt kein Studienbuchdesign. Die Essenz eines solchen Designs, Klarheit, fehlt vollständig. Obwohl ein Namensregister vorhanden ist, fehlt ein Sachregister. Eine logische, fortlaufende Kapiteleinteilung, eine Notwendigkeit für ein Schulbuch, ist gewichen vor einem Hinkelsprung durch das Quellliteratur-Geschichtsbuch Zolang de wind van de wolken waait (Solange der Wind aus den Wolken weht), auch von Tresoar. Sinnvolle Titel für den Inhalt, eine Voraussetzung für Lehrbücher, wurden nicht gefunden und der Schüler muss sich mit Titeln begnügen, die sich weder auf Literatur noch auf Geschichte beziehen, wie etwa “friesisches Tiefland”. Man muss nach Seitenzahlen suchen. Nach einer Stunde blättern, erscheinen plötzlich auf jeder rechten Seite, aber nicht auf einer linken Seite, okkult nach oben geschriebene Zahlen aus der Buchrinne: “2000>”. Vergiss die Schüler und Studenten. Das Buch ist eine Vorauswahl friesischer kultureller Emanzipationsbewegungsikonen, von Gysbert Japicx bis Nyk de Vries. Ein Who is Who, mit Fotos von denen derer Anblick nie wieder rückgängig gemacht werden kann: Simke Kloosterman, viel weniger sexy, als ich immer dachte, hat keinen friesischen Hengst, sondern ein träger Mietgaul.

Die Einleitung macht einen ebenso schlampigen Eindruck wie die Form und der Zweck des Buches. Sie sagt, dass “eigentlich nichts mehr niederländisch ist als friesische Literatur”, aber was friesische Literatur ist, wird nicht erklärt, geschweige denn, was Literatur an sich ist. Dann heißt es, dass es nicht speziell um die Literaturgeschichte gehe: “2018 ist Leeuwarden ein Jahr lang Kulturhauptstadt Europas … in diesem Buch geht es um den Prozess, der vorangeht und folgt, über die Höhepunkte, aber auch über die Tiefpunkte der friesischen Literatur und Sprache.” Der “Haupttext”—offenbar gibt es auch einen kleinen Text— über den Kontext in dem die friesische Literatur, was das auch sein möge, entstanden ist. Das ist in Ordnung, denn die Literaturgeschichte, d.h. die systematische, kritische Organisation von literarischem Material auf der Grundlage innerer und äußerer Merkmale, weist große Mängel auf. An erster Stelle lassen literarische Texte sich schlecht in oberflächliche Eigenschaften einordnen, und noch weniger, wenn dies chronologisch geschehen muss. Homogene Stilperioden sind kaum zu identifizieren; Werke aus verschiedenen Perioden überschneiden sich oft mehr in Form, Inhalt und Rezeption als Werke in einer Ära, trotz des Drucks, einem Trend zu folgen.

Aber nach der Einleitung scheint es, dass sie beabsichtigten, dass es in dem Buch keine Literatur geben würde. Vor neunzig Jahren kritisierte Jelle Brouwer, der erste Direktor der Fryske Akademy, den Vorgänger des Geschichtsbuches, das Handbuch Fryske skriftekennisse von Douwe Kalma, aus einem konträren Grund. Brouwer sagte, dass ein Geschichtsbuch, das alle Namen nennt, alle Urteile ausspricht und alle Quellen gibt, die Hunderte von Seiten der Anthologie, die Kalma hinzufügte, nicht neugierig auf die friesische Literatur macht. Ist es egal, ob Literatur in einem Literaturgeschichtsbuch enthalten ist oder nicht, ist die Frage. Eine Antwort hängt natürlich vom höheren Ziel ab, von dem, was man über das Geschichtsbuch hinaus will. Brouwer hat sich immer dazu verpflichtet, den Horizont von Kindern aus weniger erfinderischen Familien zu erweitern und die intellektuelle Bereicherung der Schüler zu stimulieren. Damit lehnte er die Idee der vollständigen Information ab. Brouwer wollte die angeborene menschliche Neugier für mehr und anders nicht töten. Aber von Idealen oder Visionen oder auch nur von einer Form von Humanismus und Verantwortung—die im Lyts hânboek von 1976, in der Reihe Minsken en Boeken durchaus Gestalt annahm—kann man unsere Provinz nicht beschuldigen. Das neue Buch ist ihr letztes Ziel, wie das Design zeigt. Diejenigen, die Literaturwünsche haben, sollen einen anderen Webshop Suchen.

In Kapitel 1 ignoriert die friesische Literatur das Naturgesetz, das die friesische Elfstädtetour möglich und den Kulturhauptstadt-Brunnen in Dokkum unmöglich machte: das Gesetz, dass Eis zum größten Teil unter Wasser schwimmt. Hingegen nicht die friesische Literatur. Die hat nichts unter Wasser: “Nur die Spitze des Eisbergs ist übrig und der Rest ist weg.” Das neue Geschichtsbuch setzt wie immer den Anfang der “Spitze” in mittelalterliche Texte, die in die damaligen friesische Sprache kopiert wurden. Aber woher kam die geschriebene Sprache und welchen Zweck hätten diese Texte erfüllt, wenn nicht zumindest die Elite einer bestimmten Gruppe dieselbe Sprache gesprochen hätte? Gesprochene Sprache ist ein automatisch kopiertes System von Symbolen, um eine tiefe Bedeutung zu vermitteln. Die spezielle, künstlerische Visualisierung mit diesen Symbolen ist ebenfalls ein ererbtes menschliches Verhalten. “Verschwunden”, im “wallenden Wasser der Zeit”, erinnert an die Titanic: Sinken geschieht nicht, wenn nicht etwas grausam dazu zwingt. Das Geschichtsbuch grenzt beiläufig Literatur zu geschriebenem Text ab und trennt es von der spontanen, menschlichen, d.h. mündlichen Symbolübertragung. Das ist listig. Denn Friesisch ist als gesprochene Sprache praktisch verschwunden, aber das ist egal, wenn nur die geschriebene “Spitze” zählt. Schriftlicher Text wird jetzt von der Regierung so vehement unterstützt, dass ‘in Kommission’ keine Übertreibung ist. Es versteht sich von selbst, dass dieser neue Text im Korpus nicht kritisch, sondern liturgisch aufgegriffen wird, wie die kopierten Rechtstexte, die gemäss dem neuen Geschichtsbuch “ein einzigartiges Bild der Welt der Friesen” geben.

Kapitel 2 springt auf das siebzehnte Jahrhundert. Der versprochene Kontext fehlt. Zum Beispiel, wer konnte damals lesen? Der Analphabetismus ging im Goldenen Zeitalter schnell zurück, aber in 1827 ging in Friesland nur einer von acht zur Schule. Offensichtlich erreichte die Mehrheit keineswegs das Leseniveau für Gedichte. In diesem Vakuum erwähnt das Geschichts­buch Johan van Hichtums ‘Ansk und Houk’—die Passage stammt so direkt aus der Forschung Anderer (und das Geschichtsbuch ist nicht kommentiert), dass es Plagiat ist. Dieses Gedicht von Van Hichtum ist zeitbeständig und voll mit Vergil für den Vergil-Fan, aber es wurde nicht ins moderne Friesisch übersetzt; das Geschichtsbuch beabsichtigt eindeutig nicht zu sagen, lies es, sondern erwähnt es als Hintergrund für den Dichter Gysbert Japicx. Japicx—der Mann, nicht sein Werk—wird dann in einer Vignette behandelt, die von den Kapiteln getrennt ist, genau wie die anderen Vignetten, die als nicht verwandte Grabsteine in den Boden eingefügt werden. Das Kapitel selbst nimmt eine unerwartete Wendung. Dichter / Psalmübersetzer Jan Althuysen wird als Beispiel angeführt (von Professoren und Studenten, “die sich auch für Friesisch interessierten und das motivierte Andere”). Ein Beispiel ist ein zusätzliches Element, das diejenigen überspringen können, die die Geschichte verstehen. Hier hingegen ist es verstaut: “Es ist der Diskussionspunkt, der in den folgenden Jahrhunderten immer wiederkehren wird: Wie sollte sich die friesische Literatur auf die Literatur um sie herum beziehen? Neben dem Streben nach ‘Hochliteratur’ auf Friesisch gab es immer ein Bedürfnis nach vertrauten Stücken im Volkssprache.”

Die Unterscheidung zwischen friesischer und niederländischer Literatur, die Politik der Sprach- und Nationsbildung, ist jedoch ein ganz anderes Problem als die Obsession mit der Unterscheidung zwischen Hoch- und Niederkultur, die Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts in England ausbrach zu Beginn des 20. Jahr­hunderts mit dem friesischen Emanzipations­bewegungs­anführer Douwe Kalma. Aber wenn man zurückblickt, auf Althuysen und seine Vorgänger, wo die beiden Themen gemäss dem Geschichts­buch wurzeln, dann gibt es nichts. Die Redakteure—Babs Gezelle Meerburg, Ans Wallinga, Goffe Jensma und Teake Oppewal—wollen offenbar keine Diskussion über den Diskussionspunkt sehen. Der Leser wird nicht wissen, für wen die friesische Literatur eine ethnische Identität haben “muss” und wer “vertraute” Literatur in “Volkssprache” braucht. Aber benötigte nicht genau die Jury des ‘höchsten’ friesischen Regierungspreises für Literatur, die 2015 einen Mainstreamkrimi verliehen hat dies? Wird ein Geschichtsbuch nicht nur seiner Geschichte gerecht, wenn es danach fragt?

New criticism hat uns gelehrt, unsere Emotionen aus dem Text herauszuhalten, aber Verzweiflung, ist das möglich? ‘Sollte’ ein Geschichtsbuch denn keine Debatte anregen? Oder glaube ich, naiver Babyboomer, wider besseren Wissens, in Dialog und die Pflicht der Bildungsoffensiven der Regierung, wie dieses Geschichtsbuch, um die Probleme aufzuwerfen? Aber meine Koautoren sagten das Gleiche: Jeder schaue schnell in das Buch, ob er ‘drin ist’ und sei froh, wenn das der Fall ist und wütend, wenn es nicht so ist, sodass die ernsten Fragen von heute aus den Augen verloren werden und das Literaturgeschichtsbuch keine Grundlage für Weiteres biete. Aber Friesland, antwortete ich (noch bevor ich das Geschichtsbuch gesehen hatte), hat, wie wir wissen, ein Kanonisierungssystem, das typisch für eine Minderheitenkultur ist. Was man tut, ist Zeiträume zuweisen. Künstlich werden ein oder zwei Ikonen für diese Perioden erzeugt. Und für den Rest der Autoren ist das Gebiet völlig egalitär und demokratisch. Jeder Literator hat die gleiche Chance auf eine Zeile in einem Buch, eine Aufgabe oder einen Preis, egal wie hart er arbeitet, und das bedeutet, dass er immer gegen seine Kollegen und nicht gemeinsam gegen das System kämpft.

Darüber hinaus, Kapitel 3 redet schon über die Tradition der Pioniere, die friesischen Reime der Brüder Halbertsma, die gemein­samen Geschichten, unsere kollaborativ erfundenen historischen Volksmärchen, die friesischen Stolzepen, die tieffriesische kollektive Stimmung Douwe Kalmas, die Bauernidylle von Brolsma und Postma und die folkloristische Lieblichkeit von Gysbert Japicx bis Tsjêbbe Hettinga. Bitte denken Sie daran, dass all diese es jedoch nicht gerettet haben. Sie haben sich nur schwach und während einer kurzer Zeit ausgedrückt. Sie haben die Reihen nicht geschlossen. Von ihrer Kulturmission ist kaum etwas übrig geblieben. Die heutige Literatur ist gefüllt mit Selbstsucht, Materia­lismus und vor allem einem abschreckenden Individualismus. Der Text der Rückseite ist allzu wahr und düster: “Die friesische Literatur ist Ausdruck der Einzigartigkeit Frieslands. Zu allen Zeiten haben friesische Schriftsteller und Dichter in ihrer eigenen Sprache geschrieben: über sich selbst, über ihre Sprache und über ihr Land.” Diese—subsistenzstrategische—politisch korrekte Schreiberei ist eine Verschiebung zu einer kulturellen Sklavenmoral, die den entscheidenden Unterschied darstellt zwischen Vergangenen Jahrhunderten und heute. Nicht zu übersehen, und darüber hinaus durch Literaturstudien ausländischer Minderheiten problematisiert. Das Geschichtsbuch bemerkt es jedoch nicht, obwohl es aussagt, dass es nicht auf die Büchern, sondern auf den Kontext schaut.

Nach dem Kapitel über das 19. Jahrhundert, das schlecht geschrieben ist, werden die Kapitel schnell von noch geringerer Qualität. Dies liegt möglicherweise daran, dass sich die literarhistorische Forschung weniger auf das 20. Jahrhundert konzentrierte. In der Nachkriegsliteratur wurde fast keine Forschung betrieben. Auch das Geschichtsbuch ist Teil des Problems, dass es am Ende signalisiert, dass das friesische Literaturstudium heute praktisch ausgestorben ist, weil es dem Trend folgt, die friesische Literatur nicht wissenschaftlich zu betrachten. Wahrscheinlicher sind aber historische methodische Unfähigkeit und—weil Quellkritik übersprungen wird—Lethargie. Eine Vignette nach Kapitel 4 spricht über die Kritik am Letterenfonds, der für die Frankfurter Buchmesse 2013 zwei Bauernromane wählte und dann eine Reaktion des Schriftstellers Trinus Riemersma gibt. Das Zitat ist so schlecht gewählt und undeutlich, dass Corporaal Riemersma sofort korrigiert. Der Punkt ist hingegen: Riemersma war in 2013 bereits zwei Jahre tot.

Kapitel 5 ‘Ein Blick auf Europa’ hat kein ‘Europa’ im Text, abgesehen von einem aus dem Kontext gerissenen Zitat der Schriftsteller Anne Wadman, das sagt dass sich Schriftsteller, gemäss Kalma [sic], nicht provinziell orientieren sollten. Ein leerer Schrei; es gibt keine Zeile mehr in der Geschichte. Der nicht-theoretische Ansatz der Geschichtsschreibung kommt dem Geschichts­buch teuer zo stehen. Dass dies in der jüngeren Geschichts­schreibung aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts wirklich auffällt, ist kein Wunder. Einige der direkt an der friesischen Literatur Beteiligten, wie die Literaturexperte Antsje Swart, sind noch am Leben und haben einen lebendigen Einblick in das, was sie erlebt haben. War zum Beispiel in den sechziger Jahren “Demokratisierung das Motto” und nicht immer noch—wie auch die Sachliteratur von Wadman und die Fiktion des anderen “Erneuerers”, Riemersma, betonen—Gott und Bibel? In der postmodernen Konzeption der Historiographie existieren ‘Fakten’ nicht mehr und ihre Bedeutung bleibt fließend. Solch eine Ansicht kann für einen Nicht-Wissenschaftler wie Corporaal schwierig sein, aber wird vor allem mit der Auftrag, eine großartige Geschichte zu erstellen, im Widerspruch gestehen haben. Implizit, aber offenkundig, wurde die altmodische, unkritische Pädagogik gewählt, um das Offensichtliche, das keine Erklärung brauche, vor zu täuschen: von wahren, festen Errungenschaften in einem geradlinig fließenden Zeitstrom, der alle Widersprüche zu “Freund und Feind” kanalisiert—zu einer kulturnationalistischen Einheit.

In Geschichtsschulbüchern, die unter direkter politischer Kontrolle stehen, findet fast immer eine ideologische Anpassung der Vergangenheit statt. Solche Geschichtsbücher geben der authentisch angesehenen Kenntnis den offiziellen Stempel der Wahrheit, aber das ist nur ein Kenntnisanspruch, denn selten kann eine Begründung für die Wahrheiten aufgestellt werden. Normalerweise ist uns das egal: Wir sind für einen Geschichts­kanon, was sollen wir den Kindern sonst beibringen? Außerdem müssen alle Schulbuchredakteure mit kommerziellen Anforderungen umgehen, und wirtschaftliche Faktoren zwingen sie zu einer attraktiven Auswahl, weitreichenden Material- und Perspektivenreduzierungen und einer Vereinfachung der Standpunkte (und dabei geht oft viel schief).

Aber es gibt auch Auswahl und Interpretation, über die die Redakteure sicher verfügen: die literarische Kanonbildung. Bis eine Literatur einen Kanon, eine Spitze über dem Wasser hat, ist diese nicht auf der Entwicklungsebene, die wissenschaftlich untersucht werden kann, wie oft angenommen wird, und auch hier. So ist es nicht. Akademiker lassen sich nicht von den Kanonen leiten, weil diese Themen versteinern und das Studium in Nachplappern umwandeln. Kanons sind ein ziemlich geschlossenes System, sie stellen bestimmte Werke zur Verfügung und definieren auch die Konzepte, um diese Werke zu beurteilen. Die Volksliteratur hat in der Regel keinen Kanon—weshalb sie in Friesland nicht ‘Volksliteratur’, sondern ‘Volksschreiberei’ genannt wird—bis die ungeregelten mündlichen Geschichten nach diesen fixen Linien gesammelt, verglichen und erforscht werden. Kanons bringen vorhersehbare Vorurteile, um Texte zu erklären. In diesem Zusammenhang kommen die Regeln für die Auswahl kanonischer Texte den Mächtigen zugute und schließen die Randgruppen aus, unabhängig von der Qualität der Werke. Die Kanonisierung führt zu einem starken Modell, d.h. Kanonen funktionieren als eine Selbstzensur. Deshalb stören Kanons die Literatur.

Außerdem—in Kapitel 6 geht es um den ‘Trend’ der friesischen Schriftsteller, auf Niederländisch zu schreiben—gibt es Fossilisierung. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde in Friesland keine fortschrittliche Kunst entwickelt. Es gibt kein linkes Theater, keine selbstbewusste und progressive literarische Bewegung, keine politisch-literarischen Manifeste, kein ideologisch reifes Publikum ist gezüchtet worden, und es gibt keine Debatte darüber, wie Neonationalismus und Neoliberalismus freie Kunst ersticken. Nein, nein, lieber drohen auf Holländisch zu schreiben, als die friesischen Institutionen einmal kritisch an zu schauen, die der friesischen Literatur mit ihrer bedrückenden Selbsthistorisierung im Wege stehen.

Das letzte Kapitel ist eine Liste von Fakten ohne Verbindung. Wenn eine Ursache oder Folge auftritt, liegt dies meist im Graubereich zwischen Lüge und Täuschung. Zum Beispiel hätten die Verleger Koperative Utjowerij und Friese Pers Boekerij ihre dominierende Verlagsposition durch “den Aufstieg der digitalen Medien” verloren. “Große Veränderungen” steht dabei, und das klingt plausibel, denn die weltweite Bedeutung der Wirkung von Technologie auf das Verlagswesen ist, dass der Absatzmarkt für das Papierbuch stark abnimmt, weil E-Bücher und Print-on-Demands den Markt überfluten oder umgehen. Aber das ist in Friesland nicht passiert. Das tut es immer noch nicht. Friesischsprachige Literatur hat kaum E-Books und direkte Autor-Leser-Verkäufe. Die Facebook-Wand der Schriftstellervereinigung It Skriuwersboun, sagt das Geschichtsbuch, “dient als Stammtisch für die mehr als zweihundert Mitglieder: Schriftsteller, Übersetzer, Journalisten, Friesisch-Lehrer usw.” Fungieren ein klug gewähltes Wort: es scheint so gleich­bedeutend mit funktionieren, aber während funktionieren auch gut wirken bedeutet, bedeutet fungieren nur dienen als. Auf der Skriuwersboun-Wand gibt es ungefähr vier Nachrichten pro Monat, vom Boun-Vorstand selbst, ohne ‘Likes’, geschweige denn eine Reaktion von einem der zweihundert Mitglieder.

Die historische Revision ist nur dann wirklich ernst, wenn sie die friesische Literatur in eine bestimmte Richtung zwingt. Kanons, je starrer sie sind, sie sind nicht gut für die Literatur. Sie erstellen eine Reihe von Regeln, um zu bestimmen, was große Werke sind, was die Freiheit der Schriftsteller und auch die spontane Wertschätzung des Publikums erstickt. Demotivierend und diskriminierend ist die unverschämte Lüge—Corporaal war in einer Redaktion mit einer Frau als Chefin—dass Frauen es zwar zu Redakteuren aus friesischen Magazinen schafften, aber nicht als Chefredakteurin. Was sagt das den Chefredakteureninnen: nichts anderes, als dass ihr Eingreifen so vergeblich ist, dass sie übersehen werden können, so dass sie es auch einem Mann überlassen können, auch wenn sie die Werke über eine Frau als Chick Lit verachten und so die Redaktion ausüben als ein Kerl.

Das Geschichtsbuch sagt nichts über eine Ursache für den Rückstand der Frauen in der friesischen Literatur; die Frage ‘warum’ stellt es nur wenn es lose Ende in der Geschichte beseitigen muss. Aber der Aufstieg der feministischen Literatur­theorie zeigte, dass Frauen am meisten davon profitieren, wenn sie den toten weißen männlichen Kanon durchbrechen. In Friesland war der Brain Drain der Frauen gigantisch, und/denn nur in den Rändern war Platz für Brüste; von so einem Rand kam einmal die Schriftstellerin Elske Schotanus. Aber das Impuls­moment für das Umwerfen des Kanons hat immer gefehlt, weil die friesische Literatur ein Produkt des kulturellen Nationalismus war und ist. Die Provinz hat keine Kunstpolitik; nur eine Sprach- und Kulturpolitik. Die Minderheitenkultur Frieslands bemüht sich darum, ‘seine’ potenziellen schöpferischen Schriftsteller, einschließlich Schotanus, dazu zu bringen, in ihrer Sprache zu schreiben, und sie beauftragt Schriftsteller, eine Vielzahl von Dokumenten über sich selbst, über die friesische Sprache und über Friesland zu schreiben. Der Großteil dessen, was die friesischen Jugendlichen machen, ist eine Kopie. Das wissen wir schon seit einem Jahrhundert. Ein bisschen weniger lang, aber seit mindestens zwanzig Jahren, wissen wir, dass Publizieren aus diesem Grund nicht mehr für ein echtes Publikum ist, sondern nur für eine Menge, die sich erhält durch interne Konkurrenz und schreiben um den äußeren Schein und das Ja & Amen.

Zusammenfassend, dem Buch Solange der Baum blüht: Eine kurze Geschichte der friesischen Literatur fehlt historische Methode, Präzision, Zweck und Linie und ist unzuverlässig, selektiv, unordentlich und schlecht lesbar. In der Zwischenzeit müssen die hochkreativen Menschen, die die Kraft haben, aus der Ferne zu beobachten und kritisch zu sein, eine intellektuelle und künstlerische Einsamkeit akzeptieren. Weil jeder, der Dinge sagt, die wichtig und originell sind, sofort Kritik von den traditionellen Standpunkten aus bekommt. Die Anzeigung alternativer Paradigmen erfordert daher eine angemessene Selbstsicherheit und einen Sinn für Korrektheit und einen angemessenen Grund für das, was man tut. Und so sieht man, dass die wenigen Kritiker, die es gibt, ein paar Facetten angreifen, wie dass dieses Geschichtsbuch voller Tippfehler ist. Kein Kritiker hat das Ganze angegriffen. Kein Kritiker greift das System an, das ein solches Geschichtsbuch produziert. Friesland hat keine Kritiker. Dieser Umstand ist ernster als das Geschichtsbuch selbst.